Selbstwert und Selbstwahrnehmung – Im GesprĂ€ch mit…

20.08.2020 | Persönliches

In meinem Job geht es immer um’s Aussehen. Und ganz oft um Frauen. Was liegt also nĂ€her, als sich dem Thema mal von einer anderen Seite zu nĂ€hern? Weiblicher Selbstwert ist untrennbar verknĂŒpft mit unserem Äußeren – innere VerĂ€nderungen gehen immer mit Ă€ußeren einher – und umgekehrt. Und weil das Thema so komplex ist, habe ich beschlossen, eine Reihe von Expertinnen zu befragen.
Heute mit Melanie Kaiser, Heilpraktikerin fĂŒr Psychotherapie und Expertin fĂŒr Selbstverwirklichung. Mit Melanie kann man famos philosophieren. Los geht’s!
Melanie, bei dir geht es um Frauen, die sich eher anpassen anstatt an sich zu glauben und ihr Ding zu machen. Anpassung kann sich ja auch in Äußerlichkeiten ausdrĂŒcken. Welche Klientinnen kommen zu dir und was sind ihre Themen?

Zu mir kommen meist Frauen, die vordergrĂŒndig das GefĂŒhl haben, irgendwie zu kurz zu kommen und deshalb unzufrieden sind. Das kann sowohl in der Beziehung als auch im Job sein. Sie leisten extrem viel, haben aber das GefĂŒhl, dass sie nicht die verdiente WertschĂ€tzung erfahren.

Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass sie sich immer den Anforderungen von außen anpassen und damit selbst zum Anheben der Messlatte beitragen.

Das berĂŒhmte Hamsterrad.Viele sind auf mehreren Ebenen in dieser Dynamik gefangen. Das heißt sie leisten im Beruf, sie sorgen fĂŒr die Familie, sie schmeißen den Haushalt, sie haben jederzeit das offene Ohr fĂŒr Freunde und Bekannte. Sie können nicht nein sagen, obwohl sie selbst lĂ€ngst am Limit sind und verlieren ĂŒber die Zeit Zugang zu ihren eigenen BedĂŒrfnissen. Selbst um Hilfe zu bitten fĂ€llt extrem schwer, da sie niemandem zur Last fallen wollen.

Was in der Tiefe zugrunde liegt ist ein mangelndes SelbstwertgefĂŒhl. Da sie selbst ihren Wert nicht fĂŒhlen und erkennen, versuchen sie ihn ĂŒber Anerkennung im Außen zu generieren. Das Bild vom Hamsterrad ist hier leider perfekt. Je schneller der Hamster rennt, desto schneller wird das Rad.

Auch unser Umfeld gewöhnt sich extrem schnell an mehr und hat von sich aus keinen Grund, dem entgegen zu steuern. Deswegen muss fĂŒr Lob und Anerkennung, sofern es ĂŒberhaupt kommt, immer mehr getan werden.

Mit meinen Klientinnen arbeite ich an der Wurzel dieses mangelnden SelbstwertgefĂŒhls. Wenn diese frĂŒhen Erfahrungen, die hĂ€ufig nur als eine Emotion gespeichert sind, die man unbewusst nie wieder erleben möchte, geheilt bzw. korrigiert sind, stabilisiert sich StĂŒck fĂŒr StĂŒck ein neues Selbstbild. Mit diesem neuen Selbstbild etabliert sich der eigene Wert unabhĂ€ngig von erbrachter Leistung. Damit ist es auch viel leichter, Grenzen zu setzen und den eigenen BedĂŒrfnissen Raum zu geben.

Ich werde oft fĂŒr Make-up/Hairstyling fĂŒr Business-Fotoshootings gebucht und bin immer wieder fasziniert, wie unterschiedlich MĂ€nner und Frauen mit der Situation umgehen. Von Frauen höre ich ganz hĂ€ufig SĂ€tze wie „Ja, ich weiß, meine Haare sehen schrecklich aus, kannst du da was retten?“ „Mein Kinn ist zu lang/meine Nase zu groß/meine Wangen zu breit, kannst du das irgendwie wegschminken?“ Von MĂ€nnern höre ich solche SĂ€tze nie! Was ist da los? Warum sind wir Frauen so selbstkritisch?

Dem Wunsch nach dem perfekten Aussehen liegt zum einen der Wunsch nach Anerkennung und damit nach BestĂ€tigung des eigenen Werts zugrunde, zum anderen aber auch eine Art Schutzfunktion. Wenn ich perfekt aussehe, biete ich weniger AngriffsflĂ€che. Das ist zumindest fĂŒr Frauen mit schwachem Selbstwert sehr wichtig, da sie erziehungsbedingt nicht gewohnt sind, sich aktiv zu verteidigen. Sie versuchen eher, einen „Angriff“ strategisch im Voraus zu verhindern. Dazu hilft eben auch ein perfektes Aussehen.

FĂŒr Frauen ist es schon immer eine gangbare Praxis, am Äußeren nachzubessern.

Sich zu schminken gilt als völlig normal, leider werden auch Operationen zunehmend zur NormalitĂ€t. Frauen greifen zu dem, was möglich ist, um dem Druck von außen standzuhalten. FĂŒr viele ist das der leichtere Weg, als sich mit dem eigenen Inneren auseinanderzusetzen. Unsere Medienwelt leistet hier ihren Beitrag, indem sie ein Level vorgibt, das eigentlich keins ist.

MĂ€nner definieren sich im traditionellen Wertesystem unserer Gesellschaft weniger ĂŒber ihr Aussehen. Wenn hier der Selbstwert schwach ist, wird eher ĂŒber Besitz und Statussymbole kompensiert. Auch die hĂŒbsche Frau an der Seite wird hier schnell zum Statussymbol.

Allerdings beobachte ich auch hier einen Wandel. Die Rate an Schönheitsoperationen bei MĂ€nnern steigt und gerade jĂŒngere MĂ€nner definieren sich zunehmend ebenso ĂŒber ihr Äußeres wie Frauen. Auch MĂ€nner benutzen inzwischen Make-Up fĂŒr den makellosen Teint, auch wenn es hier möglichst unsichtbar passieren soll. Oder die Augenbrauen werden gezupft.
Der Einfluss der sozialen Medien, aber auch die zunehmende Ausbalancierung der klassischen Rollen von Mann und Frau, verÀndern hier das Verhalten.

Selbstwert
Warum liegen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung manchmal so weit auseinander? Da kommt mir immer sofort der höchst unattraktive Mann in den Kopf, der mit geschwellter Brust vor der Kamera herumstolziert und sich fĂŒr ein Gottesgeschenk an die Menschheit hĂ€lt. Bei Frauen habe ich so ein Verhalten noch nie beobachten können (siehe vorherige Frage). Sind wir einfach unterschiedlich von der Gesellschaft geprĂ€gt?

Hier gibt es zwei Komponenten.

ZunÀchst einmal, wie kommt es, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung so weit auseinander liegen? Im Wesentlichen ist es ein Fokusproblem. Mit schwachem Selbstwert wird mein Fokus immer auf dem einzigen Makel liegen, den ich habe. Hier liegt mein Schwachpunkt, die Stelle, die ich möglichst schnell in Ordnung bringen muss. Durch die volle Aufmerksamkeit auf diese Schwachstelle ist meine Selbstwahrnehmung völlig verzerrt, weil die schönen Dinge an mir vollkommen unter den Tisch fallen wÀhrend der Makel ins Unermessliche wÀchst. SelbstverstÀndlich nehmen andere mich nicht in diesem MissverhÀltnis wahr. So entsteht die Differenz.

Was die Mann-Frau-Komponente angeht, gibt es diverse Studien, die zeigen, dass Frauen deutlich selbstkritischer sind als MĂ€nner. Die Differenz zwischen Eigen- und Fremdbild liegt bei Frauen um rund ein Drittel höher als bei MĂ€nnern. Die Wurzel dafĂŒr sehe ich immer noch in den klassischen Erziehungsmodellen. WĂ€hrend MĂ€dchen zur ZurĂŒckhaltung, zum Gutaussehen und ordentlich sein angehalten werden, werden Jungs ermutigt, sich ordentlich zu inszenieren und „ihren Mann zu stehen“. Hier bleibt es spannend, wie das sich verĂ€ndernde Rollenbild auf das Thema Selbstkritik ausĂŒben wird.

Was meinst du, werden wir mit zunehmendem Alter gelassener, was unser Aussehen betrifft oder machen wir uns noch mehr verrĂŒckt, weil die ganzen sogenannten “Alterserscheinungen“ dazukommen? Oder ist es einfach eine Typfrage?

Ich denke, das hĂ€ngt sehr stark mit der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und dem Ausgesöhnt-sein mit dem eigenen Selbst zusammen. Je reifer die eigene Persönlichkeit wird, desto weniger wird sie sich ĂŒber Ă€ußere Faktoren definieren. Hier werden innere Faktoren wie die Erfahrung der eigenen Selbstwirksamkeit, die erfolgreiche BewĂ€ltigung vergangener Krisen, das Wissen um die eigenen StĂ€rken und der Kontakt zum eigenen Wesenskern zur Quelle meiner Kraft.

Gab es jedoch keine Anstrengungen, die innere Entwicklung voranzubringen und basiert der Selbstwert vornehmlich auf Ă€ußeren Faktoren, dann wird die Luft dĂŒnn, wenn die Schönheit nachlĂ€sst. Das kann dann im Operationswahn und dem Wunsch nach ewiger Jugend enden.

Wie bist du selbst zu deinem Thema gekommen? Welche Botschaft möchtest du Frauen mit auf den Weg eben?

Mein Thema ist quasi meine eigene Geschichte. Ich war ein fleißiges, braves und ziemlich angepasstes Kind. In mir allerdings lebte ein Freigeist, was mir sehr lange gar nicht bewusst war, weil ich gelernt hatte, ihn zu unterdrĂŒcken.

Mit Mitte dreißig hatten mich meine ganzen Anpassungsstrategien an einen Punkt gebracht, an dem ich mich wie ein Zuschauer und im eigenen Leben und völlig abgeschnitten von meiner Freude und Kraft fĂŒhlte. Mir wurde klar, dass ich etwas Ă€ndern musste, wenn mein Leben nicht weiter an mir vorbeiziehen sollte.

Und so begann die Reise. Ich rĂ€umte StĂŒck fĂŒr StĂŒck auf, reflektierte meine Biografie, meine PrĂ€gung und machte jede Menge Ausbildungen, um zu verstehen, was mit mir los war. Mitten in dieser phasenweise verzweifelten Suche nach mir, meinem Weg und meinem Platz wurde dann irgendwann klar, dass ich mittendrin war. Your mess is your message. Heute helfe ich Frauen, ĂŒber die Grenzen ihrer PrĂ€gung hinauszuwachsen und sich das Leben zu erschaffen, das wirklich zu ihnen passt.

Ich möchte jeder Frau sagen, dass der Weg darin liegt, die eigene Einzigartigkeit zu erkennen und sie aus vollem Herzen zu leben. Es geht niemals darum, so zu werden wie alle anderen oder anderen Idealen und Normen zu entsprechen, sondern darum genau das zu leben, was dich ausmacht. Alles andere folgt einer natĂŒrlichen Ordnung.

Und noch eine philosophische Frage: Was ist fĂŒr dich Schönheit?

Schönheit ist du selbst zu sein und genau das aus vollem Herzen zu lieben.
Kein Make-Up dieser Welt kann die Ausstrahlung einer Frau zaubern, die mit sich selbst im Reinen ist.

Danke, Melanie, fĂŒr deine ausfĂŒhrlichen und erhellenden Antworten!

Melanie Kaiser, Expertin fĂŒr Selbstverwirklichung | Heilpraktikerin fĂŒr Psychotherapie

Hier geht es zu Melanie bei Facebook.

Liebe GrĂŒĂŸe, 

Martina

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